Mittwoch, 29. Juli 2009

How to be an engineer…

„Ich habe da ein Problem, Thomas, du bist doch Ingenieur…“ sagt man so

Ein Ingenieur zu werden ist mehr oder weniger schwer. Wie jedes Studium ist es eine Fleißfrage, man geht oft schematisch vor und operiert nach Fahrplan. Am wichtigsten ist im Grunde der Sachverstand. Jedenfalls bekommt man keine guten Noten geschenkt, wie in einem Biologie, Mathe oder Architektur Studium. Ob das immer alles gerecht ist, sei mal dahingestellt und interessiert auch nicht. Es ist nämlich etwas ganz anderes, wenn man erstmal Ingenieur ist.

In meinem Studium wurden die Professoren nicht müde von ihren grandiosen Erfolgen in der freien Welt zu berichten, wiesen weniger unterschwellig auf ihre Kompetenzen hin und streuten nebenbei ein, dass die Errungenschaften auf jenem Sektor ihnen zu verdanken seien. Wenn man das so hört, während man sich den Hintern auf den harten Klappsitzen des Hörsaales breit sitzt, zudem chronisch pleite ist, denkt man schnell, da will ich auch hin. Das Bild des unheimlich innovativen Bastlers mit unermüdlichen Forschungsdrang und einen Haufen Ideen in der Schublade brannte sich in meinen Hinterkopf ein. Ein Ingenieur schafft Lösungen, rettet die Umwelt, revolutioniert Denkweisen, trifft schwerwiegende Entscheidungen und lässt sich dafür den Arsch vergolden. Ein Gedanke, der mir häufig die Motivation verlieh, der Hausarbeit doch mehr als nur einen oberflächlichen Blick zu gönnen.

Ich erinnere gerne an den Werbespot, in dem ein Ingenieur aus seinem Strandhaus auf das Wasser schaut und über Bewegung nachdenkt. Kurz darauf watschelt ein klappriges, vom Wind getriebenes „Fortbewegungsmittel“ über den Strand. Schon wieder etwas erfunden. Ich glaube, es ging in der Werbung um ein Auto. Oder Scotti, aus der alten Star Trek Reihe. Der Mann benötigte für die Reparatur eines Warpantriebes nur einen Tag und rettete am Schluss die gesamte Besatzung.

Die, zugegeben schöne, Vorstellung des Ingenieurberufes ist ziemlich unrealistisch. Das kann man sich immer wieder sagen, dennoch, der Druck nun endlich sein persönliches Rad zu erfinden, bleibt. Es ist kein „9 to 5“ Job, sondern ein „Entweder Du bist es oder Du warst es nie“ Job. Ideen möchten realisiert werden, auch nach Feierabend.

Zurzeit denke ich viel darüber nach, wie man dieses Bild nach unten korrigieren kann, ohne eine Inflation des Berufstandes zu provozieren. Die Ärzte haben das doch auch geschafft. Nicht jeder entdeckt ein Mittel gegen oder für etwas. Im Gegenteil, viele sind einfach Durchschnitt, beraten auch mal falsch und wirken dabei glücklich mit ihren Schluckimpfungen an Grundschulen. Kann sein, dass bei denen ein „warum bin ich nicht wie Dr. House“ in den Hinterköpfen rum schwiert, aber anmerken tut man es ihnen nicht.

Mir geht es nicht darum in Zukunft mit gerissenen Sätzen Kunden, Arbeit- oder Auftragsgeber zu beschwichtigen oder Kompetenz zu suggerieren, Hauptsache eine gewisse Seriosität zu vermitteln oder ganz einfach weniger zu tun. Ich möchte die Sichtweise auf das was ich tue ändern. Angefangen habe ich damit, meinen Beruf als Job zu bezeichnen. Das nimmt erstmal wenigstens verbal eine gewisse Last, die ich während meiner Berufsfindung und Abwägung meiner Zukunftsperspektiven nicht gebrauchen kann. Geholfen hat mir dabei ein Gespräch mit meinem Teamleiter von der Arbeit. Dem ging es vor kurzem noch ähnlich, nur dass er Frau und Kinder hat und ihm die Entscheidung den Job zum Beruf zu machen somit abgenommen wurde.

Seit diesem Jahr werden keine Diplom Ingenieure mehr ausgebildet. Stattdessen heißen die Abschlüsse nun Master of Science. Wie sich das auswirken wird weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich sehr froh bin noch ein diplomierter Ingenieur geworden zu sein.

Sonntag, 26. Juli 2009

Der Tag, an dem Michael Jackson starb

"Do you remember the time?" Michael Jackson

Freitag, 26. Juni 2009

Wie jeden Werktag springt mein CD/Radiowecker auch heute um 6 Uhr an. Wirklich wecken muss er mich nicht mehr, sonst wäre es auch quatsch die Weckzeit auf eine volle Stunde zu stellen, wie zum Beispiel 6 Uhr. Eine Zeit in der garantiert immer Nachrichten laufen, die einen meist nicht zu wecken vermögen. Im Gegenteil. Ich nutze das Radio nur noch um Abends beim Lesen ein wenig Hintergrundgeplänkel zu haben.

„Bremen 4, die Nachrichten. Michael Jackson ist tot. Oldenburg gewinnt die Basketballmeisterschaften. 80 Prozent Regenwahrscheinlichkeit.“

Da war es! Normalerweise drücke ich mindestens 6-mal auf die „Schlummertaste“, bevor ich wirklich aufstehe. Dieses Mal machte ich das Radio direkt aus. Nach der Hiobsbotschaft hockte ich auf der Bettkante und zwang mich dazu irgendetwas zu empfinden, von dem ich irgendwann mal stolz berichten könnte. Nichts, alles leer. Ich war weder betroffen, noch überrascht oder erleichtert. Mein Gefühl passte zum sachlichen Ton des Nachrichtensprechers.

Mit dem Musiker Jackson habe ich schon länger abgeschlossen. Für mich war Michael ab dem Tag in Rente gegangen, an dem er die Song-Angebote der Neptunes abgelehnt hatte. Justin Timberlake war die hörbar bessere Alternative gewesen. Zum Glück war das so. Seit diesem Moment habe ich gehofft, dass der Mensch Michael Jackson eine Ahnung davon bekommen hat, wie man in Würde altert und er von der großen Bühne abtreten möchte. Alle Comeback Gerüchte waren halt nur Gerüchte und die 50 Shows in London hätte er eh nie gespielt, so meine Meinung. Das lässt sich jetzt leicht sagen.

Ich setzte mich vor den Fernseher und schaute das Sat 1 Frühstücksfernsehen. Es waren die ersten bewegten Bilder, die ich sah und so blieb ich bei dem Sender. Woran er gestorben ist, konnte ich mir denken. Bei dem Leben. Eine Kerze, die von beiden Seiten brennt. Ein schwules Moderator-Maskottchen, das zu einer Frühstücksendung gehört, wie der gute Laune Köter, tut so, als wäre er seit Lebzeiten mit dem King of Pop per Du gewesen. Er fuchtelte aufgeregt mit seinen Knickhänden vor der Kamera rum und plauderte aus dem Nähkästchen. Er degradierte den wohl einflussreichsten Menschen in meinem Leben zu Klatsch und Tratsch. Die Bilder von Michael waren aber klasse. Außerdem hat das Programm eine kleine Uhr am Bildschirmrand, also blieb ich dran.

Auf einen renommierten Nachrichtensender zu schalten kam mir nicht in den Sinn. Ich frühstückte und alles fühlte sich erschreckend normal an. Auf dem Weg zur Arbeit bildete ich mir ein, die Straßenbahn sei leerer als sonst und die Straßen sowieso. Anstatt produktiv zu arbeiten, schrieb ich einen Nachruf in den Blog und las im Internet Zeitung. Am Kiosk war das einzige Blatt mit einer Titelstory über MJs Tod die Bildzeitung. Darauf konnte ich verzichten.

Um 11 Uhr hatte ich einen Termin bei einem Designer im Steintor Viertel. Thema sollte dessen Wohnung sein, vorüber wir eigentlich reden würden, war mir vorher klar. In der Bahn unterhielten sich ein paar Franzosen. Ich verstand nur zwei Wörter: Billie und Jean. Der Designer war barfuss als er mir die Tür öffnete. Zum Glück erlaubte er mir ausnahmsweise meine Schuhe anzubehalten. Wir gingen in seine „kleine Oase“ wie er es nannte und setzten uns auf teuer aussehende Stühle. Ich redete den üblichen Smalltalk runter, während er sich eine Zigarette drehte und mich anschielte.

Er: „Ich will Dich nicht ablenken, aber glaubst Du, Michael Jackson ist wirklich gestorben? Ich glaube das nicht. Es ist wie bei Falko, da haben die das auch alle vermutet.“

Ich: „Möglich wäre es natürlich. Ein schöner Gedanke, Michael irgendwo auf einer Südsee Insel, das erste Mal seit 40 Jahren wirklich wieder in Frieden und glücklich.“

Er: „Und mit dem Ausverkauf der jetzt folgen wird auch finanzierbar. So eine Leiche ist doch schnell manipuliert oder einfach verschwunden. Wie damals bei Falko.“

Was hatte der denn immer mit Falko? Ich finde es viel schlimmer, dass so Unsinnspersonen wie Britney Spears, Pete Doherty und Amy Winehouse immer noch weiter machen dürfen. Dabei war Michael noch nicht einmal ein richtiger Junkie.
Das ist dann jetzt wohl die Trotzphase, dachte ich. Im Büro hörte ich meinen eigenen Radiosender. So konnte ich den stündlich neuen Gerüchten aus dem Weg gehen und wurde nicht ausschließlich mit Jackson Songs beschallt.
Die Kollegen im Büro schienen den Verlust mit wenig gelungenen Stand up Einlagen kompensieren zu wollen.

„Ob der beerdigt wird oder kommt der in den Sondermüll?“
„Habt ihr schon gehört, Michael Jacksons Nase ist bei eBay drin.“

Wenn man mal darüber nachdenkt, dann könnte meine Generation die interessantesten Zeitzeugen der Geschichte hervorbringen. Mauerfall, Weltmeister, Millennium, 11. September, Weltwirtschaftskrise, Barack Obama, Michael Jacksons Tod, Lost Serienfinale, wieder Weltmeister und das Ende des Maya Kalenders im Jahre 2012 kann ebenfalls spektakulär werden… Sie könnte aber auch als die dusseligste Generation in die Geschichtsbücher eingehen.

Am Abend schaute ich nach, wie die anderen im Internet so reagierten. Ich schrieb jedem einen bedeutungsschwangeren Songtitel auf die virtuelle Pinnwand. Paul kam vorbei und wir schauten ablenkungsreiche DVDs. Auf 3 Sat kamen bis in die tiefe Nacht alle Michael Jackson Videos. Die Beste Reaktion eines Fernsehsenders überhaupt. Mal nicht quatschen, sondern abliefern.

Die stündlich aktualisierten Amazon Charts zeigten das dumme Verhalten derer, die scheinbar etwas ganz großes erst dann erkennen, wenn es vorbei ist. Platz 1 bis 14 gingen an den toten King of Pop. Auf Platz 26 tauchte er noch mal mit Dangerous auf und die Vinyl Version von Bad kam auf Platz 40. Da war er, der angekündigte Hype und er sollte noch lange bleiben.

Samstag, 25. Juli 2009

Cigarettes & Alcohol

„Is it my imagination
Or have I finally found something worth living for?
I was looking for some action
But all I found was cigarettes and alcohol” Oasis

„Wir brauchen mehr Rauch!“ Schwiens

Es fing damit an, dass Martin und ich beschlossen haben, zu einem Oasis Song rauchen zu müssen. Warum brauche ich jawohl nicht zu erklären. Die Coolness eines Liam Galagher stand uns ins Gesicht geschrieben und schwebte seitdem dazu noch ungefähr einen Meter über unseren Köpfen. Getanzt wurde nie, nur gesoffen und dabei geraucht. Ein anderer Grund mit dem Rauchen anzufangen war für mich der Gedanke, dass man unbedingt rauchen können sollte. Also kein Husten oder Röcheln oder schnell das Fenster öffnen falls man mal genötigt wird sich eine anzustecken. Dieses peinliche Verhalten kann man nicht gebrauchen, wenn einem von jemand wichtigem eine Zigarette oder ähnliches angeboten wird. Man muss sich auf ein gewisses Level hoch rauchen und es dann seinlassen. Ich rauche nur an Wochenende in der Kombination mit Alkohol und wenn ich dazu Lust habe. Also fast jedes Wochenende, aber immer noch so selten, dass das Nikotin anfangs nervt. Alles andere ergibt für mich überhaupt keinen Sinn.
Es gibt grenzwertige Situationen, in denen man gezwungen wird zu warten. In diesen Momenten könnte man rauchen und das „Warten“ zu „cool herumstehen“ aufwerten. Ich tue es aber nicht, der Grad ist mir zu schmal.

Meine Devise lautet, sobald ich kein Geld für Zigaretten ausgebe, ist alles im grünen Bereich.
Raucher ist derjenige, der auch dann raucht, wenn es Niemand sieht. Und es gilt nach wie vor, einmal Raucher immer Raucher. Egal ob Du Held es mal einen Tag geschafft hast Dir keine stinkende Asche in die Schnauze zu drücken, Du bist und bleibst ein Raucher auf Entzug.
Parallelen zum Alkohol liegen in dieser Hinsicht nahe. Zur Verdeutlichung: Ein Alkoholiker braucht den Stoff, ein unumstritten abhängiges Verhältnis. Ein trockener Alkoholiker darf den Stoff nicht mehr anfassen, ebenfalls ein abhängiges Verhältnis. Die Kontrolle über das Wesentliche haben beide verloren. Jörg Fauser hat einmal in einem Interview auf die Frage, wie das denn mit den Drogen ausging, geantwortet:
„Ich habe aufgehört.“
„Einfach so?“
„Ja natürlich einfach so, wie denn sonst?“

Schon wieder genial.

Viele meiner Bekannten sind auf den blauen Dunst hängengeblieben. Für die ist es mehr als nur eine Geste geworden. So auch Martin. Aber irgendwo müssen die Zigaretten für das Wochenende ja herkommen!

Es gibt nur ganz wenige Männer, bei denen Rauchen gut aussieht. Johnny Depp zum Beispiel und ich natürlich, sonst würde ich es ja nicht machen. Bei anderen Menschen wiederum gehört der Rauch einfach dazu. Malocher, die ihre Zigaretten selbst drehen, dabei den Tabak und das Blättchen in ihren riesigen Wühlhänden verschwinden lassen und wenn sich ihre Faust wieder öffnet, sich in ihnen eine stramm gedrehte Zigarette präsentiert.
Männer mit dünnen Fingern sollten nicht rauchen.

Insgesamt ist mir die Raucherei auf Partys zuviel geworden und ich will es wie Jörg Fauser halten: einfach so aufhören. Zugegeben, Nikotin ist kein Heroin, aber ich habe ja auch nicht vor das als Erfolg zu verbuchen.

„Don´t ask me why I smoke, but I drink to get drunk“ Sia

Mittwoch, 15. Juli 2009

Das Handwerk des Alleinseins

„Allein Allein“ Polarkreis 18

Wissenschaftler haben herausgefunden… Halt! Wissenschaftler irgendeiner renommierten Universität haben herausgefunden, dass der durchschnittliche Jugendliche 50 Freunde hat und davon sind 24 rein virtuell. Es besteht also kein Kontakt außerhalb des Internets mit Ihnen. So gesehen ist Sociophobie für mich ein Fremdwort. Daran gemessen, habe ich einen überdurchschnittlich großen Freundeskreis und zusätzlich so etwas, was man einen erweiterten Bekanntenkreis nennt. Sie kennen mich, aber ich kenne sie nicht.

Bei meinem Umzug vom platten Land in die kleine Großstadt Bremen, bringen mir die vielen Bekannten und Freunde erstmal nichts. Unterm Strich ist man allein. Neue Beziehungsfelder (habe ich das Wort endlich mal untergebracht!) schafft man sich schnell, indem man hier studiert oder in einer WG lebt und die Bekannten seiner Mitbewohner vereinnahmt. Wenn man aber arbeitet und alleine wohnt, hat man nur die Kollegen und möchte man die in seiner Freizeit sehen? Klares Nein. Ohne dass ich es darauf anlege, ergibt es sich, dass ich die 45 Minuten Zugfahrt in die alte Heimat fast jedes Wochenende auf mich nehme. Das hinterlässt natürlich einen komplett falschen Eindruck. Die Anlässe sind immer gegeben. Diplomparty, Scheibenschießen, 40. Geburtstag, wieder eine Diplomparty und dutzende Einladungen zu irgendetwas. Wie gesagt, so gesehen habe ich einen überdurchschnittlich großen Freundeskreis.


Jetzt fühlt man sich dazu genötigt in der neuen Stadt ebenfalls Fuß zu fassen. Das Gefühl habe ich nicht, aber der Gedanke ist da. Es wäre doch normal sich anzubiedern. Ich denke, es ist nicht normal sich anzubiedern. Ich denke, es ist normal alleine mit sich gut zurecht zukommen. Ohne ekelerregend bemitleidenswert klingen zu wollen, ist es auch gar nicht möglich Kontakte oder Freunde aus dem Stehgreif zu finden. Man ist noch nicht einmal irgendwo „der Neue“. Es wird als soziale Inkompetenz angesehen, wenn man sich auf Partys nicht an andere ranmacht und sich und die damit verbundene Geselligkeit anpreist. Solche Menschen sind doch furchtbar.

Vor ein paar Wochen lag ich auf einer Liege und wartete auf den Physiotherapeuten. Die Behandlungszimmer waren nur durch einen Vorhang getrennt und ich konnte das Gespräch von nebenan mithören. Eine ältere Dame erzählte davon, dass man in Bremen (oder war es Deutschland allgemein?) Niemanden kennenlernen würde. Alle wären so reserviert. Der Therapeut bestätigte dies und gab ein Beispiel aus dem Kroatienurlaub zum Besten, das das genaue Gegenteil aufzeigte.

Ich dachte, yo, stimmt. Aber jammern und hinterherlaufen kann unmöglich die Alternative sein. Man suggeriert mit dem Alleinsein auch immer Einsamkeit und wenn man das tut, ist sie auch da. Man braucht nicht zu lernen damit umzugehen, man muss sich nur bewusst werden, dass man nicht einsam ist. Man kommt alleine und man geht auch wieder alleine, dazwischen ist man alleine. Was nach Monty Python klingt, ist nur zu wahr.


Die Kunst des alleine Zurechtkommens


"So sitzt er Nacht für Nacht mit Zettel und Stift allein in seinem Keller und bastelt Bomben nur für sich" Doppelkopf

In den vielen Büchern der verschrienen Popliteratur ist der Protagonist immer auf sich gestellt und meistert dies souverän mit allen Tiefen und Höhen. Es wechseln zwar die Freundinnen und der Kumpel, aber alleine ist er ständig. Und er macht weiter und sammelt Eindrücke. Es geht ja auch. Diese Freundeskreise mit ihren Rumkumpeleien wirken doch oft, aus der dritten Perspektive gesehen, ziemlich verblödet und wie Stillstand. So wie es auf mich wirkt, empfinde ich das auch, als angenehme Pause. Etwas Stillstand bevor es wieder weiter geht mit dem Alltag.

Alleine funktioniere ich viel besser. Im Dialog gebe ich mir überhaupt keine Mühe mehr, reinste Gaghascherei, rumspinnen, unterhaltsame Lügen erzählen, besser wissen, die pure Verdummung, total angenehm eben.
Man kann sich ja denken woher dieser Drang nach Gemeinsamkeit kommt. Fernsehen um die Mittagszeit, Werbung, Zeitschriften… usw. *

Viele haben bereits die Notwendigkeit, alleine mit sich klar zu kommen, verlernt. Schon diese Grußmitteilungen. Sie werden meist gar nicht mehr ausformuliert, stattdessen wird nur noch ein triviales hdgdl ins Tastenfeld gehauen, auf allen Plattformen der digitalen Kommunikation.

Ich denke oft an andere, besonders an die, die mir wichtig sind und ich könnte sie das auch wissen lassen und Grüße an Pinnwände oder Telefonnummern schicken, aber ich lasse es, weil ich nicht weiß, wie es dann weiterginge oder wie man darauf reagieren sollte. Ich schätze mal gar nicht. Vielleicht sind die Leute mir auch wichtig, weil sie wissen, dass es auch ohne diese ganzen Bekennungen funktioniert.

Alleine ins Kino gehen, muss man üben. Der Film bleibt derselbe, man nimmt ihn nur anders oder überhaupt wahr. Für viele wirkt das armselig, aber der Satz: „Ich wollte heute eigentlich ins Kino (Freibad, Café, Stadion, Restaurant, Ikea, Konzert), leider wurde daraus nichts, weil Niemand mit wollte.“ zeugt auch nicht gerade von Eleganz, Flexibilität und Unabhängigkeit.
Alleine in den Urlaub ist die Königsdisziplin und wird deshalb auch Reisen genannt. Da muss man hin, da sind die Erfahrungen, da ist das Bewusstsein. Mit den Freunden, ist es nur noch Urlaub.

Vollidioten, die eine Lücke im Lebenslauf mit „Selbstfindungsphase“ erklären, sollten darüber mal nachdenken, dafür bräuchten sie noch nicht einmal verreisen.

Dieser romantische Gedanke des Einzelgängers, der alleine in seiner Mansarde Wohnung vor dem PC hockt und einer Arbeit nachgeht, die erstmal Niemanden etwas angeht und später jeden erreicht, ist etwas, das einem immer weitermachen lässt. Nicht im Sinne von durchhalten, sondern im Sinne von: es geht weiter.

So, das war der Text. Ich treffe jetzt noch Freunde zum Grillen am Werdersee.


* Zum Verständnis, es geht hier nicht um die Freundin oder den Freund die/den man meiden soll, sondern um die Gesellschaftssucht im Allgemeinen. Paare, die länger zusammen sind, kennen das sicherlich auch. Irgendwann kommt das Thema selbst in einer tollen Beziehung wieder auf. Schneller als man denkt sogar. Letztens habe ich den Begriff Alibifreundin gehört, ich dachte an Schwule, gemeint war aber: lieber mit irgendjemanden zusammen, als alleine.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Sommerferien

"In the summertime when the weather is fine you got women on your mind" Mungo Jerry

Ohne mich wiederholen zu wollen, wirklichen Urlaub hatte ich nie. Wie auch, wirklich Arbeiten tue ich erst seit Dezember. Vorher konnte ich einfach wegfahren, da nannte das Niemand Urlaub, sondern „Thomas ist gerade woanders oder im Garten oder im Bett“.
Das Büro hier, ist nur noch sporadisch besetzt. Viele nutzen die Sommerferien um wegzufliegen oder wegzufahren, Hauptsache weg, allein schon wegen der Kinder.
Der Gedanke von der Arbeit mindestens einmal für zwei bis drei Wochen im Jahr wegkommen zu müssen, zu entfliehen, macht mich betroffen. Das spiegelt für mich nur wieder, wie organisatorisch man durch das Leben geht. Da behalte ich doch lieber den Gedanken aufrecht hin und wieder woanders zu sein. Nicht so zwanghaft.

Gerade lese ich bei Facebook eine Nachricht, aus dem Urlaub eines Dritten kommend:
„Ich bin gerade im Urlaub, grüße aus [hier beliebtes Urlaubsziel eintragen].“

Was muss das für ein toller Urlaub sein, wenn man Internet hat und anstatt mühseligen, aber oft ehrlich gemeinten Postkarten einfach Wasserstandmeldungen via Web 2.0 abgeben kann. Ein recht beschissener, stelle ich mir vor. Internet im Urlaub, ist wie mit der eigenen Freundin auf Malle. Da bremst doch was.
Wenigstens dieses durchtriebene Gefühl etwas im Grunde schönes vorzeitig beenden zu müssen, um endlich den anderen davon erzählen zu können, wer kennt es nicht? hat sich ja mit einer Live Reportage dann erledigt. Und bloß nicht zu sehr ins schwärmen geraten, hier und da auch mal ein klein bisschen Kritik üben, damit die eh schon genervten, freundlich bemühten Zuhörer nicht sofort abspenstig reagieren.

Ich höre gerne Urlaubsgeschichten von Menschen, die wirklich in jede Touristenfalle tappen. Betrug beim Wechselgeld, 5 Kilometer vom Strand entfernt, anstatt den angepriesenen 50 Metern, selbst Google Earth wurde von der Hotelleitung bestochen! ein Stern sind nicht vier Sterne, das Hotelzimmer wurde leer geräumt, die gesamte Familie entführt und man selbst bekommt Tripper. Im Nachhinein ruft die Urlaubsliebe an, man benötige dringend Geld für eine lebensrettende Operation des Vaters, Haialarm und Montezumas Rache. Das sind Themen, von denen ich gerne lese. Nicht wegen der viel gelobten Schadensfreude, sondern, weil das so schön in meine Vorstellungen passt. Man kann das ganze ja auch mit Humor nehmen.
Meinen Idealen nach, bist du zumindest für die Zeit im Ausland ein Globetrotter und benimmst dich auch so, sprich, du erlebst was und redest nicht darüber. Oder du bist eben zwei bis drei Wochen weg von deinem Arbeitsplatz und spielst woanders den Touristen. Sollte das so sein, dann sind das doch die Geschichten mit dem größten Unterhaltungsfaktor, wenn schon berichtet werden muss. Gönnen tue ich diesen Leuten 49 – 50 Wochen Spaß auf der Arbeit, vorausgesetzt, sie lassen mich damit in ruhe.

Urban Hymns

Die folgende Geschichte ist wahr und meinen Bekannten wirklich passiert.
Ein mir bekanntes Ehepaar, wenn eine Geschichte so beginnt, gibt es allen Grund zur Skepsis, verbrachten vor Jahren ihren Urlaub in einer der vielen Touristenanlagen Europas. Sonne, Strand, All Inklusive, das volle Programm. Als sie gut gelaunt in ihre angemietete Hütte zurückkamen, war diese auf links gezogen. Koffer wurden durchwühlt, Schubladen aufgerissen, das klassische Bild eines Einbruchs eben. Der Verdacht liegt nahe, dass ein oder mehrere Buhmänner im Haus waren. Natürlich rufen sie erstmal die verantwortliche Hotelleitung oder den Hüttenwart an oder wer auch immer dort die Verantwortung hat. Eine schnelle Inventur zeigt, dass es nichts zum notieren für die Versicherung gibt. Es ist tatsächlich noch alles da. Man geht davon aus, dass die Einbrecher überrascht wurden und schnell das Weite suchten. Glück im Unglück. Der Urlaub konnte mit einem kleinen Schrecken entspannt fortgeführt werden. Eine Woche später laden meine Bekannten die Nachbarn und Freunde zu einem Diaabend ein. Früher war noch nicht alles digital und solche Abende durchaus üblich. Dias Dias oh buenos días. Als dann die ersten Bilder des Fluges und der Anreise durch waren, zeigten die nächsten Bilder, die nach deren Entwicklung direkt unbegutachtet in den Diaprojektor gelegt wurden, ein paar zwielichtige Gestalten, die sich offensichtlich gegenseitig fotografierten. Nur wobei sie sich fotografierten, ist selbst in Abgeschiedenheit von Gästen noch rasend peinlich. Die Einheimischen suchten kein Geld oder sonstige Wertsachen in der Urlaubshütte meiner Bekannten, sondern nur deren Fotoapparat. Fündig geworden, gingen sie ins Bad und steckten sich die Zahnbürsten der Betroffenen in ihre Hintern! und machten Bilder davon. Danach packten sie den Fotoapparat und die Zahnbürsten wieder dorthin wo sie am wenigsten auffallen, dorthin, wo sie die Sachen gefunden haben. Dass man sich auch im Urlaub mindestens zweimal am Tag die Zähne putzt, sollte jedem klar sein. Scheiß Gefühl.

Meinen Bekannten ist das, wie man sich denken kann, nie passiert. So was passiert immer nur Bekannten von Bekannten und anderen Unbekannten.

Wenn ihr das hier lesen könnt, viel Spaß im Urlaub.